Technik verstehen / Praxisstück

KI im Betrieb: Erst eine Aufgabe, dann ein Werkzeug

Ein Sprachmodell kann Entwürfe liefern. Ob es dem Betrieb hilft, lässt sich nur prüfen, wenn Aufgabe, Daten und Kontrolle vorher klar sind.

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In diesem Text
ABB. 01[ SCHEMATISCHE DARSTELLUNG ]Dokumente durchlaufen einen Filter und eine Entwurfsstation; eine separate Station prüft das Ergebnis.
ABB. 01 Ein Entwurf wird erst nach Prüfung zum brauchbaren Ergebnis. Technische Illustration: David Schultheiss.

Für eine neue Software findet sich schnell eine glänzende Demonstration: Ein hundertseitiges Handbuch wird in Sekunden zusammengefasst, eine E-Mail an den Kunden formuliert, ein Tabellenblatt mit Messwerten strukturiert. In der Fertigungspraxis beginnt danach die entscheidende Frage: Wer haftet, wenn ein generierter Wert im Maschinenalltag fehlerhaft ist, und wohin fließen die eingegebenen Daten?

Das ist bei generativer KI und cloudbasierten Sprachmodellen besonders brisant. Ein KI-Modell erzeugt Texte und Zahlenfolgen anhand statistischer Wahrscheinlichkeiten. Eine flüssig formulierte Antwort kann physikalisch unsinnig sein, metrische Gewindesteigungen verwechseln oder zulässige Drehmomente erfinden. Lesbarkeit und technische Zuverlässigkeit sind völlig verschiedene Eigenschaften. Wer generierte Angaben im Betrieb weiterverwendet, braucht daher eine systematische Kontrollinstanz.

Die Zahl zeigt Verbreitung, nicht betrieblichen Nutzen

Nach den Ergebnissen für das Jahr 2024 nutzten 20 Prozent der erfassten Unternehmen in Deutschland KI-Technologien. Das Statistische Bundesamt bezog rechtliche Einheiten mit mindestens zehn Beschäftigten ein. Gemeint war KI insgesamt, nicht ausschließlich die Nutzung generativer Chatbots. Es handelt sich um Daten für 2024, nicht um eine Bestandsaufnahme vom September 2026.

Für einen inhabergeführten Fertigungsbetrieb beantwortet eine solche Zahl wenig. Sie sagt nichts darüber aus, welche Aufgaben sinnvoll automatisiert wurden, wie aufwendig die Fehlerkontrolle ist oder ob sensible Betriebsgeheimnisse gefährdet wurden. Ein Praxistest sollte sich deshalb an den konkreten Arbeitsabläufen der eigenen Werkstatt orientieren und nicht an der Furcht, einen medialen Branchentrend zu verpassen.

Schutz des Kern-Know-hows: Eingabedaten vorab prüfen

Bei einem Betriebsbesuch warnt Junior-Chefin Carolin vor leichtfertiger Dateneingabe in externe Cloud-Dienste:

„Das wertvollste Kapital unserer Zerspanung sind nicht die Maschinenkörper, sondern unsere empirisch erarbeiteten Technologietabellen“, betont Carolin. „Wir fertigen Turbinenteile aus Nickelbasislegierungen wie Inconel 718. Über zehn Jahre hinweg haben unsere Meister und Zerspanungsmechaniker exakte Schnittgeschwindigkeiten vc, Zahnvorschübe fz, Eingriffsbreiten ae und trochoidale Frässtrategien ertestet. Wer solche CAM-Rezepturen in ein öffentliches KI-Eingabefeld kopiert, verliert die Kontrolle über sein Betriebsgeheimnis. Niemand garantiert uns, dass diese proprietären Parameter nicht zum Training zukünftiger Modelle genutzt werden und morgen dem Wettbewerber zur Verfügung stehen.“

Aus diesem Grund scheiden Kernprozesse, Konstruktionszeichnungen, vertrauliche Kundenaufträge und Personaldaten für erste KI-Versuche kategorisch aus.

Eine begrenzte erste Aufgabe, die Fehler verzeiht

Ein fundierter Praxiseinstieg nutzt ausschließlich bereits freigegebenes, unkritisches Material: beispielsweise die sprachliche Überarbeitung einer allgemeinen Montageanleitung für Standardbaugruppen oder die verständliche Zusammenfassung öffentlicher Normenblätter.

Die ursprüngliche Fassung bleibt griffbereit im Ordner. Instandhaltungsmeister Klaus und Fertigungsleiter prüfen den generierten Entwurf Satz für Satz: Wurde eine SW-13-Schraube im Text plötzlich zu einer M8-Inbusschraube? Wurde ein Schmierintervall von 500 Betriebsstunden auf 50 Stunden verkürzt? Solche Fehler sind in der Praxis lebensgefährlich oder ruinös.

Die erste Aufgabe muss so dimensioniert sein, dass Fehler sofort auffallen und ein Abbruch des Versuchs jederzeit ohne betrieblichen Schaden möglich ist. Eine automatisierte NC-Programmierung oder gar automatisierte Personalentscheidungen verbieten sich von selbst.

Der faire Vergleich: Schreibzeit versus Prüfzeit

Wenn Klaus eine Montageanweisung selbst formuliert, benötigt er dafür vielleicht vierzig Minuten. Ein Sprachmodell liefert einen Textentwurf in dreißig Sekunden. Doch die anschließende Prüfung verlangt höchste Konzentration: Klaus muss jede Drehmomentangabe, jeden Querverweis und jeden Sicherheitshinweis mit dem technischen Datenblatt abgleichen. Wenn diese Korrekturarbeit 35 Minuten dauert, beträgt die reale Zeitersparnis fünf Minuten, bei gleichzeitig gestiegenem Fehlerrisiko.

Für einen aussagekräftigen Vergleich müssen beide Wege von der Aufgabenstellung bis zur unterschriebenen Freigabe dokumentiert werden:

  • Wie viele sachliche Fehler enthielt der Entwurf?
  • Wurden wichtige einschränkende Bedingungen weggelassen?
  • Wie lange dauerte die qualifizierte Nachbearbeitung durch die Fachabteilung?

Ein Werkzeug, das nur bei perfekt vorstrukturierten Eingaben brauchbare Ergebnisse liefert, verlagert den Aufwand lediglich in die Vorbereitung. Diese Rüstzeit gehört vollständig in die Kalkulation.

Nachvollziehbarkeit und Versionsstand

Für jeden Versuchslauf müssen Ausgangsprompt, verwendetes Datenmaterial und das überprüfte Ergebnis lokal archiviert werden. Ein Betrieb muss im Reklamationsfall lückenlos nachweisen können, auf welcher Basis ein Text entstanden ist.

Dabei ist zu beachten: Ändert ein externer Modellanbieter seine Systemprompts oder Parameter, liefert derselbe Eingabetext am nächsten Tag möglicherweise ein anderes Ergebnis. Ein verlässlicher industrieller Prozess verlangt Reproduzierbarkeit. Wo diese nicht gewährleistet ist, bleibt der Einsatz auf unverbindliche Textentwürfe beschränkt.

Was nach dem Versuch bleibt

Ein erfolgreicher KI-Test endet nicht zwingend mit der Einführung eines neuen Systems. Ein valides Ergebnis kann lauten: Für einfache Standardkorrespondenz spart das Werkzeug Zeit, für technische Dokumentationen im Sondermaschinenbau ist die menschliche Fehlerprüfung aufwendiger als das Verfassen durch den Meister.

Oft zeigt der Versuch vor allem, dass die vorhandenen internen Arbeitsunterlagen und Begriffsdefinitionen unzureichend gepflegt waren. Wird daraufhin die eigene Werkstattdokumentation geordnet, hat der Betrieb einen echten Fortschritt erzielt, ganz ohne Cloud-Abonnement.

Quellen und Hinweise

Statistisches Bundesamt: „Jedes fünfte Unternehmen nutzt künstliche Intelligenz“, Pressemitteilung Nr. 444 vom 25. November 2024. Bezugsjahr 2024, rechtliche Einheiten ab zehn Beschäftigten; die Erhebung umfasst unterschiedliche KI-Technologien.

Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik: „Generative KI-Modelle. Chancen und Risiken für Industrie und Behörden“, Version 2.0 vom 17. Januar 2025. Behandelt Risiken von Halluzinationen, Datenabflüssen und IP-Verlust.

Fachbeitrag von Dr. Jan-Frederik Menzel zur Evaluation von Machine-Learning-Systemen im industriellen Mittelstand. Technologische Fertigungsrezepte und Schnittdaten stellen schutzwürdige Betriebsgeheimnisse dar.

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Zum Autor

Dr. Jan-Frederik Menzel

Geboren 1982 in Aachen. Nach dem Diplomstudium der Informatik an der RWTH Aachen promovierte er im Bereich verteilte Automatisierungssysteme und industrielle Feldbusse. Er arbeitete über sieben Jahre als Systemarchitekt und technischer Berater für Sensor-Retrofit, Edge-Computing und OPC-UA-Integration im Sondermaschinenbau. Für FreieTech seziert er technische Versprechen, erklärt Softwarearchitekturen, Schnittstellen, Datensouveränität und Datensicherheitskonzepte verständlich, präzise und frei von Marketingjargon.

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